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Start Medizin und Ballett

Sportmedizinische Aspekte im Ballett
Dr. med. Rolf Fröhlich
Facharzt für Unfallchirurgie

Der Balletttänzer von heute ist nicht mehr zu seinen Vorgängern noch vor etwa 50 Jahren vergleichbar. Wie in allen Sportarten hat sich das Anforderungsprofil dramatisch weiterentwickelt. Professionelles Ballet ist demnach Hochleistungssport und bedarf auch entsprechende kontinuierliche medizinische Unterstützung und Betreuung.
Der Körper des Tänzers ist vergleichbar dem eines Kunstturners oder Artisten.
Die Muskulatur muß auf Maximalkraft und Kraftausdauer bei maximaler Schnellkraft und Dehnbarkeit trainiert werden. Gleichzeitig darf dadurch keine übermäßige Hypertrophie entstehen. Zum bewährten klassischen Training haben sich deshalb alternative Methoden wie Pilates bewährt.

Auswahl/Selektion:
Nicht jeder ist zum Tänzer geeignet. Koordination, künstlerischer Ausdruck, Musikgefühl, etc. ist bis zu einem gewissen Level erlernbar. Limits setzt aber die individuelle Anatomie des Körpers, welche sich erst in der Entwicklung des kindlichen bzw. jugendlichen Körpers offenbaren.
Entscheidend ist unter anderem die Aussenrotation des Hüftgelenkes, die beim Erwachsenen normalerweise 30 – 40 Grad beträgt. Der professionelle Tänzer benötigt jedoch mindestens 60 Grad um den Anforderungen sämtlicher Choreografien gerecht zu werden. Die Hüftaussendrehung ist im Wesentlichen genetisch determiniert und kann nur in geringem Umfang durch Training beeinflusst werden. Bei entsprechendem Defizit drohen langfristig Schäden in der Wirbelsäule, im Kniegelenk bzw. in den Fußgelenken.
Die Aussendrehung der Hüfte beim Kind ist sehr gering. Sie steigt im Wachstum durch die e Verringerung des sogenannten CCD-Winkels des Oberschenkelknochens . Angeborene Deformitäten wie eine Hüftdysplasie erlauben somit auch keine professionelle Karriere.

Auch angeborene Deformitäten der Wirbelsäule wie Gleitwirbel (Spondylolisthese) müssen rechtzeitig diagnostiziert werden, da professioneller Tanz sehr schnell zu vorzeitigen Verschleisserscheinungen und im schlimmsten Fall zu dauerhaften Behinderungen führen kann.
Die erste Aufgabe des Sportmediziners  ist somit die kontinuierliche Überwachung des heranwachsenden Tänzers. In nicht wenigen Fällen muß der verantwortungsvolle Mediziner einen Karrierestop schon im Jugendalter empfehlen, um  bleibende Schäden des Bewegungsapparates zu verhindern.

Anders wie in den sogenannten Herkunftsländern des Ballettes wie Russland, Ukraine etc. , wo die Selektion durch enorme Ressourcen an Nachwuchs  einfach ist, muß in Österreich, wo Ballett immer noch eine Nischensportart (bzw. Beruf) der Tänzer auch aus medizinischer Sicht sehr individuell betreut werden. Es darf nicht zugelassen werden dass Kinder und Jugendliche „verheizt“ werden.

Auch bei idealem Körperbau und optimaler Trainingsgestaltung können folgende nahezu typische orthopädische Probleme auftreten:
  • Überlastungssyndrome der Lendenwirbelsäule
  • Schleimbeutelreizung über dem Trochanter major des Oberschenkels bzw. am Ansatz der Sehne des M. Tensor fasciae latae (Tuberculum Gerdi)
  • Schmerzhafte Knochenmarködeme im Bereich des Kniegelenkes und des Fußes („Bone Bruise“)
  • Ermüdungsbrüche im Mittelfuß
  • Posteriores Impingement des Sprunggelenkes (sehr häufig)
  • Entzündungen der Achillessehne (meist bei schlecht gefedertem Tanzboden)
  • Einklemmungsymptomatik der Sehne des langen Großzehenstreckers im Sprunggelenksbereich („Trigger hallux“)
  • Entzündliche Hypertrophie von Schleimhautfalten im Kniegelenk (Plicasyndrom)
  • Verletzungen/Verschleiss des Innenmeniskus (mangelnde Hüftaussendrehung)
  • Chronische Bandinstabilitäten im Sprunggelenk (durch wiederholte Supinationstraumen)

Nicht führen obige Probleme zu längeren Trainingspausen, mitunter auch zu operativen Eingriffen. Spezifische professionelle Rehabilitationsverfahren wie in anderen Sportarten kommen bei uns zwischenzeitlich regelmäßig zur Anwendung und verkürzen die Genesungszeit signifikant.

Darüber hinaus ist der Tänzer durch immer anspruchsvollere Choreografien  im hohen Maß verletzungsgefährdet. Schon ein banaler Knöchelbruch, der bei Durchschnittsmenschen im Regelfall durch die moderne Unfallchirurgie folgenlos ausheilt, bedeutet beim Tänzer meist das Karriereende.

Neben sportpsychologischer Betreuung ist natürlich die Ernährung von entscheidender Bedeutung. Eine ausgewogene Mischung aus gesunden Kohlehydraten, Fetten und Proteinen ist ebenso wichtig und selbstverständlich wie regelmäßige reichliche Flüssigkeitszufuhr. Dass Alkohol und Nikotin wie in anderen Leistungssportarten tabu ist, versteht sich von selbst. Der medizinische Betreuer muss sich leider immer noch mit veralteten Ansichten diverser Trainer auseinandersetzen. Aus diesem Grund benötigt auch der moderne Ballettrainer auch ausreichende medizinische und physiologische Kenntnisse, um das Optimum aus dem einzelnen Tänzer herauszuholen – was vielerorts leider nicht der Fall ist.

Die immer noch ausgeübten oft täglichen Gewichtskontrollen sind sinnlos und führen nur zu schweren psychischen Störungen wie Anorexie und Bulimie , die bekanntlich zu schwersten irreversiblen körperlichen Gesundheitsschäden führen können.
Aus diesem Grund muss aus medizinischer Sicht die regelmäßige Kontrolle des Körperfettanteiles (Body Mass Index) gefordert werden, was im Ballettkonservatorium St. Pölten seit Jahren erfolgreich zur Anwendung kommt.

Zusammenfassend muss ein Arzt,der die verantwortungsvolle Betreuung von Ballettänzern übernimmt, über folgende Kenntnisse bzw. Erfahrungen verfügen:

  • Sportbezogene Anatomie
  • Leistungsphysiologie, Ernährungswissenschaft
  • Enge Zusammenarbeit mit Physiotherapeuten und Trainern
  • Spezifische orthopädische und unfallchirurgische Erfahrung
  • Psychologisches Einfühlungsvermögen
  • Begeisterung für Ballett


Kontaktadresse :
Dr. med. Rolf Fröhlich (Facharzt für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie / gerichtlich beeideter Sachverständiger)
Khevenhüllerstr. 23 / 4020 Linz
Tel.: +43 (0)664 3415199
Fax: +43(0)7225 60313
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Aktualisiert (Samstag, den 01. August 2009 um 20:03 Uhr)